Die Wahrheit über Fair Fashion Textilsiegel

Die Wahrheit über Fair Fashion Textilsiegel
1. Mai 2020 Julian
In Textilsiegel Guide
Unterschiedliche Textilsiegel
10 Min. Lesezeit

Hier ist die Wahrheit, wenn es um Textilsiegel für Fair Fashion geht!

Wenn Du blind einem der Gütesiegel vertraust, kann es leicht passieren, dass Du hinters Licht geführt wirst.  Am Ende unterstützt du Praktiken wie unmenschliche Arbeitsbedingungen und Umweltverschmutzung, obwohl du bewusst eben diese Produktionsketten vermeiden wolltest.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Siegel, die sich für den Einsatz verantwortungsbewusster Herstellung von Kleidung einsetzen. Oftmals sind wir dabei als Verbraucher mit der Vielzahl an Siegeln überfordert. Vereinzelt mag es  dabei auch vorkommen, dass wir einem Textilsiegel voreilig Vertrauen schenken, das es eigentlich nicht verdient.

Damit du dir über die Absichten einzelner Fair Fashion Textilsiegel im Klaren bist, haben wir unseren Textilsiegel Guide sowie die unten aufgeführte Infografik “Die glaubwürdigsten Textilsiegel” für dich erstellt.

Wonach können Fair Fashion Textilsiegel unterschieden werden?

Grundsätzlich lassen sich die Siegel einmal entlang ihrer Bestrebung/Absichten sowie nach dem jeweiligen Siegelinhaber unterscheiden:

Unterscheidung nach Siegelinhaber

Als Siegelinhaber wird die Organisation bezeichnet, die Zertifikate an Modeunternehmen vergibt. Sie veranlasst darüber hinaus auch, dass  idealerweise durch eine unabhängige Zertifizierungsstelle die Einhaltung der Standards bei Siegelträgern regelmäßig prüft.

Gewährleistet werden kann dadurch neben einer hohen Glaubwürdigkeit auch eine umfangreiche Transparenz für Verbraucher. Siegel, die diese Voraussetzungen erfüllen, gelten in der Regel als unabhängige Öko-Textil-Labels. Als Beispiel soll an dieser Stelle GOTS oder die Fair Wear Foundation genannt werden.

Allerdings haben auch Modeunternehmen begonnen, eigene Textilsiegel zu entwickeln, um einzelne Produkte bzw. Kollektionen damit auszuzeichnen. Als Beispiel soll an dieser Stelle H&M mit der „Conscious Exclusive Kollektion“ oder die C&A mit ihrer „Cradle to Cradle“ Kollektion genannt werden. Laut Greenpeace handelt es sich dabei durchaus um einen Weg in die richtige Richtung, bemängelt wird aber dennoch, dass oftmals die Standards zu gering sind und eben nur einzelne Kollektionen unter den definierten Fair Fashion Vorgaben produziert werden. Das restliche Sortiment wird leider weiterhin konventionell produziert.[1]

Wichtig: Neben unabhängigen Textilsiegeln haben auch Modeunternehmen begonnen, eigene Siegel zu etablieren und damit Kollektionen auszuzeichnen. Um sicherzustellen, dass hohe Standards für eine faire und nachhaltige Produktion eingehalten werden, empfiehlt es sich, auf unabhängige Textilsiegel zu achten.

Unterscheidung nach Bestrebung

Neben dem Bewusstsein über den Siegelinhaber sollte zudem unterschieden werden, welche Ziele ein Textilsiegel verfolgt. Fair Fashion Siegel bedeutet dabei nicht immer gleich, dass Arbeiter und Umwelt entlang der textilen Kette gleichermaßen Aufmerksamkeit geschenkt werden. Wichtig ist, sich darüber im Klaren zu sein, welche der folgenden Aspekte durch das jeweilige Textilsiegel betrachtet werden:[2]

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Ökologische Standards

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Soziale Standards

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Gesamte textile Kette

Grundsätzlich wäre es sicherlich immer wünschenswert, dass sowohl ökologische wie auch soziale Faktoren entlang der gesamten Wertschöpfungskette betrachtet werden. Aufgrund einer sehr komplexen Wertschöpfungskette in der Textilindustrie, kann das allerdings nicht immer im vollen Umfang gewährleistet werden. In manchen Fällen zeit sich auch, dass die Mission bzw. Vision, die durch die Siegelinhaber verfolgt wird, ebenfalls nur Teilaspekte betrifft, diese aber dafür mit sehr hohen Standards geprüft werden.

Beispielhaft soll an dieser Stelle die Fair Wear Foundation genannt werden, die ihren Schwerpunkt auf soziale Standards bei der Konfektion legt.

At Fair Wear Foundation, we know there’s a better way to make clothes. We want to see a world where the garment industry supports workers in realizing their rights to safe, dignified, properly paid employment”[3]

 

Der Fokus der Fair Wear Foundation liegt auf hohen sozialen Standards im Produktionsschritt Konfektion, da hier der geringste Automatisierungsgrad bei der Herstellung von Textilien vorherrscht und somit ein hoher Bedarf an Arbeitskräften benötigt wird.[4]

Das bedeutet nicht, dass es keine Textilsiegel gibt, die sich nicht für hohe Standards entlang der gesamten textile Wertschöpfungskette einsetzen. GOTS und Made in Green von OEKO-TEX sind an dieser Stelle zu nennen.

Tipp: Oftmals kann auch eine Kombination aus Textilsiegeln, den höchsten Standard für Fair Fashion Textilien bieten. Viele Brands haben deshalb auch mehrere Zertifizierungen von unterschiedlichen Textilsiegeln.

Man muss natürlich auch immer bedenken, dass ein Siegel auch von Modeunternehmen in Anspruch genommen werden muss. Wie Lydia Wiesen vom IVN in einem Vortrag treffend formuliert, bringt das beste und schärfste Siegel nichts, wenn kein Unternehmen die Kriterien in der Produktion erfüllen kann und daher das Gütesiegel nie Anwendung findet.[5]

Zudem muss an dieser Stelle auch erwähnt werden, dass wir auch der festen Meinung sind, dass grundsätzlich jedes Textilsiegel, das Anwendung findet bereits einen Beitrag zu nachhaltigem Konsum leistet.
Wichtig ist uns nur, dass Textilsiegel nicht dazu verwendet werden, um sogenanntes Greenwashing zu betreiben. Der Einfallsreichtum oder eher die Dreistigkeit der Unternehmen über alle Branchen hinweg kennt an dieser Stelle nämlich keine Grenzen. Oftmals werden daher die bereits beschriebenen eigenen Siegel verwendet, die sich mehrheitlich durch grüne Farbtöne auszeichnen und lediglich einen Bio Schein ihrer Produkts zu vermitteln.[6]

Wie Fair Fashion Textilsiegel in die Irre führen

Doch auch unabhängige Textilsiegel halten leider nicht immer, was sie auf den ersten Blick zu versprechen vermögen. Das beste Beispiel zeigt eine Dokumentation des ZDF mit dem Namen „Schmutzige Baumwolle – Sklaven der Textilindustrie“[7]. Im Rahmen einer investigativen Recherche decken die Reporter auf, dass das Gütesiegel „Better Cotton Initiative“ ein Vorzeigelabel ist, das von großen Unternehmen in der Industrie für Greenwashing genutzt wird.

Auf der Website von Better Cotton Initiative wird für einen nachhaltigen Anbau von Baumwolle und der Unterstützung der Farmer geworben.[8] Dem entgegnet die Dokumentation, dass aufgrund der genmanipulierten Baumwolle, die im Rahmen der BCI Richtlinien erlaubt ist, ein höherer Ertrag erwirtschaftet werden kann, als bei nicht manipulierter Bio-Baumwolle. Das führt dazu, dass der Anbau von Bio-Baumwolle vor allem in Indien rückläufig ist.[9] [10]

Zudem können durch das Mischmodell, das BCI fährt, Spinnereien Baumwolle auch komplett ohne BCI Baumwollanteil zu Garn verarbeiten. Das fertige Kleidungsstück darf dabei dennoch das Textilsiegel tragen, da die Spinnerei sich verpflichtet hat, einen Anteil der jährlichen Baumwollbestellung als BCI Baumwolle zu beziehen. Die Doku zeigt an dieser Stelle, dass es demnach dazu führen kann, dass Kunden im Laden guten Gewissens ein BCI zertifiziertes T-Shirt kaufen, das aber vielleicht gar keinen Anteil von BCI Baumwolle hat. Dabei wurde die konventionelle Baumwolle unter Umständen unter menschenunwürdigen Verhältnissen in Usbekistan produziert, das 3.25 Mio. Tonnen Baumwolle im Jahr 2019/20 zu den 7 größten Baumwollexporteuren weltweit gehört.[11]

An Relevanz gewinnt das Beispiel von BCI, wenn man berücksichtigt, dass bei einer repräsentativen Studie ermittelt wurde, dass in Deutschland 2019 26% der Befragten dem Gütesiegel BCI im Kauf von Fair Fashion Vertrauen schenken.[12]

Warum gibt es Textilsiegel?

Fair Fashion Gütesiegel sollen beim Kauf nachhaltiger Mode als Indikator für das Einhalten fairer Arbeitsbedingungen stehen und als Zeichen von ökologischer Verantwortung der Produzenten eine klares Signal für einen nachhaltigen und bewussten Konsum setzen – so zumindest unsere Idealvorstellung.

Hier zeigt sich das große Problem von Textilsiegel wie bspw. Better Cotton Initiative. Es kann von uns als Verbraucher nicht verlangt werden, dass wir die umfangreichen Standards im Detail einsehen, bevor wir uns ein eigenes Bild über das Siegel verschaffen. Um zu verhindern, dass Verbraucher unzureichend informiert werden, haben wir diesen Textilsiegel Guide entwickelt und um eine übersichtliche Infografik ergänzt. Diese findest du am Ende des Artikels.

Im Übrigen verpassen Gütesiegel keinesfalls ihre Wirkung. Laut einer Studie schenkt jeder zweite Deutsche Produkten, die mit einem Fairtrade Siegel ausgezeichnet sind, eine erhöhte Aufmerksamkeit. Doch nicht nur das, auch die Bereitschaft einen höheren Preis zu bezahlen, steigt deutlich an.[13]

Welche Textilsiegel gibt es und welchen kann ich vertrauen?

Grundsätzlich kann man, wie eingangs erwähnt, unabhängigen Textilsiegeln das höchste Vertrauen schenken. Informieren kannst du dich auch über die Glaubwürdigkeit der Textilsiegel auf Siegelklarheit.de, einem Portal des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Einzelne Siegel werden hier anhand mehrerer Kriterien eingestuft, um dir eine Empfehlung zu geben.

Allerdings sucht man vergeblich nach detaillierten Informationen zu den einzelnen Textilsiegeln, weshalb wir für dich die relevantesten Textilsiegel im Detail betrachtet haben und in unserem Textilsiegel Guide für dich zusammengefasst haben.

Infografik

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