Warum veganes Leder eine gute Alternative ist

Warum veganes Leder eine gute Alternative ist
2. Mai 2020 Caroline
In Naturfaser
Pinatex Farbvarianten
18 Min. Lesezeit

Lederprodukte gelten seit jeher als besonders hochwertiges und besonderes Kleidungsstück. Früher waren Lederprodukte eine Art Statussymbol, Lederschuhe wurden nur zu besonderen Anlässen getragen. Heute sieht es anders aus: Lederschuhe, Lederjacken, Ledersofas, Lederboden (!) gibt es als Produkte des Alltages überall und zu billigen Preisen. Wenn man bedenkt, dass man Lederschuhe schon ab einem Preis von 25 € kaufen kann [1], obwohl für das Produkt ein Tier gestorben ist (Ja, genau: Leder ist keinesfalls ein Nebenprodukt der Fleischindustrie), fehlt hier die Wertschöpfung für die Produktion, das Tier und das Endprodukt komplett. Dazu kommt, dass die Lederindustrie alles andere als ökologisch, nachhaltig oder moralisch vertretbar ist. Da liegt es nahe, dass wir in Zukunft auf veganes Leder setzen sollten.

Unsere Top 5 Fakten zur Lederindustrie und wieso veganes Leder eine gute Alternative darstellt

  1. Leder wird nicht als Abfallprodukt der Fleischindustrie verarbeitet, es wird für die Lederindustrie getötet.
  2. Durch das Gerben mit Chrom kann der gefährliche Schadstoff Chrom Vl nachgewiesen werden. Dieser kann lebenslange Allergien hervorrufen, ist krebserregend und erbgutverändernd.
  3. Die Zertifikate IVN Naturleder und der blaue Engel zertifizieren derzeit am umfangreichsten eine nachhaltige und ökologische Lederproduktion.
  4. Mittlerweile gibt es so viele gute, nachhaltige und vegane Leder Alternativen, wie z.B. Apfelleder oder Pinatex, die Abfallprodukte der Landwirtschaft verwerten, dass wir diese für eine besonders gute Wahl halten
  5. Einige coole Marken, die mit Leder Alternativen arbeiten sind: QWESTION, beleaf, Nuvi Nomad oder Livalike.
    Übrigens: Viele nachhaltige (Jeans-)marken setzen beim Patch schon auf Papierleder oder Kork wie z.B. ArmedAngels, Nudie oder Degree.

Aber zuerst einmal: Wie wird Leder heute eigentlich produziert?

Die Lederproduktion ist eine schwere und schmutzige Arbeit. Deutschland kann hier bei den Produktionskosten nicht mit Billiglohnländern mithalten und die Lederindustrie im Land geht zurück. Waren es 1970 noch 173 Betriebe sind es 2014 nur noch 18. Das hat zur Folge, dass die die Lederimporte steigen, weil die Beliebtheit der Lederprodukte im Gegenteil zur rückläufigen Produktion dazu weiter steigt.[2]

Im folgenden Video kannst du dir ein Bild über die Zustände dort machen:

Um das Leder haltbar zu machen sind jede Menge Chemikalien nötig. Der Umgang mit diesen ist gefährlich und die dafür nötigen Arbeitsschutzmaßnahmen werden gerade in Billiglohnländern nicht eingehalten: Wie im Video zu erkennen, stehen Arbeiter in Bangladesch knietief in krebserregenden Säuren, welche ungehindert in die Flüsse weitergeleitet werden. Dort gibt es gar keine oder sehr geringe Umweltauflagen, der Stadtteil der Stadt Dhaka in dem Leder gegerbt wird, gilt als einer der meist verschmutzten Gebiete der Welt. Hier ist es auch ganz normal, dass Kinder schon früh anfangen in den giftigen Ledergerbereien zu arbeiten.[3]

Ist Leder deswegen gesundheitsschädlich?

Leder wird mit Chrom lll gegerbt, dadurch wird es haltbar gemacht. Chrom III ist an sich nicht gefährlich, kann sich aber zu dem wesentlich schädlicheren Chrom VI entwickeln, wenn es im Leder in Kontakt mit Sauerstoff kommt. Das kann passieren, wenn Leder nicht ordnungsgemäß gegerbt wird. Das giftige Chrom Vl wird immer wieder in Waren aus Billiglohnländern gefunden.[4] Insgesamt werden weltweit ca. 90 % der Tierhäute mit Chrom gegerbt.[3] Nicht nur in der Lederproduktion kommen Menschen in Kontakt mit gesundheitsschädlichen Chemikalien, es ist auch möglich, dass diese Stoffe durch das Tragen von minderwertigen Lederprodukten auf unsere Haut gelangt. Chrom Vl kann lebenslange Allergien hervorrufen, ist krebserregend und erbgutverändernd. Alles andere als harmlos also.[4]

Ist Leder wirklich ein Abfallprodukt der Fleischindustrie?

Für die Lederproduktion werden Kühe aus Indien nach Bangladesch transportiert – oft illegal, weil Kühe in Indien ja eigentlich heilig sind. Der Transport selbst ist mühsam und langwierig. Damit die Kühe weiterlaufen, werden ihnen die Schwänze gebrochen und Chilli und Tabak in die Augen gerieben.
Die Kühe werden in Bangladesch ohne Betäubung geschlachtet und sehen sich gegenseitig beim Sterben zu. Manche werden gehäutet, bevor sie tot sind. [3] Laut Tierschutzorganisation Peta schlachtet die weltweite Lederindustrie jährlich mehr als 1 Milliarde Tiere und erzielt einen Umsatz von mehr als 80 Millionen US-Dollar. Das meiste Leder, das wir tragen, stammt aus solch einer Produktion.[5]

Leder aus Europa

Es gibt auch in Deutschland noch Gerbereien, die ausschließlich mit Leder aus Europa arbeiten, wo die Arbeiter nicht mit den Chemikalien in Kontakt kommen und auch kein Chrom VI im Leder nachgewiesen wird. Leider werden diese Betriebe immer seltener, da die Produkte teurer sind und mit den billigen Preisen aus Bangladesch und Indien nicht mithalten können.

Eine Marke, die z.B. nur mit Leder aus Europa arbeitet, ist die Nobelmarke Aigner. [3] Verschiedene Betriebe arbeiten auch daran, Leder mit pflanzlichen Zusätzen zu gerben. Das Unternehmen Deepmello hat einen Gerbstoff aus Rhabarber entwickelt, an dem über vier Jahre geforscht wurde.2 Olivenleder wirbt damit, dass es sowieso als Nebenprodukt der Olivenernte anfällt und ohne schädliche Zusätze auskommt. [6]

Gibt es besondere Siegel für eine faire und nachhaltige Lederproduktion?

Bisher vorhandene Siegel decken lediglich die Herstellung und nicht die Weiterverarbeitung von Leder zu Schuhen, Taschen oder Polstermöbeln ab. [7]

IVN Naturleder

IVN Naturleder (Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft)

Bei der Zertifizierung durch den IVN wird sichergestellt, dass die Herstellung von Leder ökologisch, sozialveträglich und gesünder ablaufen. Das Siegel kontrolliert in den Bereichen Umweltbelastung, Gefahrenstoffe, Entsorgung und Recyclingfähigkeit. Darüber hinaus werden gerechte und gesunde Arbeitsbedingungen vorausgesetzt. Gesundheitsgefährdende, nicht abbaubare oder umweltschädliche Substanzen sind komplett verboten. Dabei wird die gesamte Produktionskette von der Tierhaut bis zum Verkauf des fertigen Leders beanstandet – jedoch nicht die Weiterverarbeitung zu Schuhen oder Textilien. Trotzdem gilt es als strengstes Ökolabel der Branche. [8] [9]

 

Nordic swan ecolabel

Nordic Ecolabel – Leder (Nordic Council of Ministers)

Auch hier steht der Umweltaspekt im Vordergrund und Verbraucher sollen mit dem Siegel dahingehend abgesichert werden, dass die Produkte nachhaltig produziert worden sind. Die Organisation sieht auch vor, umweltfreundliche Produkte zur unterstützen. [13]

Leather Standard by OEKO-TEX

LEATHER STANDARD by OEKO-TEX® (internationale OEKO-TEX®-Gemeinschaft)

Die Prüfung sämtlicher Bestandteilde des Lederproduktes müssen nach OEKO-TEX® 100 geprüft sein. Der LEATHER STANDARD by OEKO-TEX® sieht keinen Nachhaltigkeitsanspruch oder eine Sicherung der Arbeitsbedingungen vor. [11]

bluesign product

bluesign product (bluesign technologies AG)

Dieses Siegel achtet speziell auf die Umwelteinflüsse, die durch die Lederindustrie generiert werden. Darüber hinaus möchte es sichere Herstellung und Vearbeitung von Leder gewährleisten.
Allerdings ist dieser Standard für das Siegel noch nicht durchgesetzt. [10]

Blauer Engel– Leder (Bundesumweltministerium)

Hier werden Lederprodukte gekennzeichnet, die ohne gesundheitsgefährdende Chemikalien, sowie unter der Einhaltung von hohen Umweltstandards hergestellt wurden. Gleichzeitig steht der Blaue Engel für eine rundum emissionsarmen Produktlebenszyklus – von der Produktion bis zur Entsorgung. [14] Das schließt auch die Herkunft des Leders mit ein. Leder, das mit dem Blauen Engel zertifiziert ist stammen von landwirtschaftlichen Nutztieren, die primär zur Milch und/oder Fleischerzeugung gehalten werden. Für Tierhäute, die nicht aus der Eu kommen, müssen zumindest zu 50% zurückverfolgt werden können.
Ein emissionsarmer Produktlebenszyklus bedeutet auch, dass gefährliche Stoffe mit negativer Auswirkung auf die Gewässer nicht verwendet werden und generell der Wasserverbrauch im Herstellungsprozess heruntergefahren wird.
Im fertigen Produkt darf kein Chrom Vl nachweisbar sein.
Was die Arbeitsbedingungen angeht müssen für die Zertifizierung durch den Blauen Engel bestimmte Sozialstandards eingehalten werden. [15]

Leather Working Group (Mitgliederinitiative verschiedener Akteure aus der Lederindustrie)

Die Leather Working Group (LWG) ist eine Mitgliederinitiative aus verschiedenen Akteuren entlang der textilen Wertschöpfungskette der Lederherstellung: Hersteller, Einzelhändler, führende technische Experten der Lederindustrie und Nichtregierungsorganisationen.

Schwerpunktmäßig sollen die Umwelteinflüsse der Lederindustrie evaluiert werden. Aktuell stehen soziale, ethische und tiergesundheitliche Probleme nicht im Vordergrund.

Auch das Verbot von bestimmten Substanzen und der Arbeitsschutz haben momentan keine Priorität. Die Prüfung durch Siegelklarheit läuft im Moment noch. [12]

Laut Siegelklarheit finden derzeit nur der Blaue Engel und das Zertifikat des IVN Anwendung. Darüber hinaus kannst Du als Verbraucher auf das LEATHER STANDARD by OEKO-TEX® als Grundlage für das MADE IN GREEN by OEKO-TEX® Textilsiegel vertrauen.

Die anderen Siegel arbeiten noch an der Zertifizierung ihrer Anforderungen.[7]
Grundsätzlich sind die Ledersiegel noch nicht sehr weit verbreitet. Die Unternehmen müssten freiwillig deren Anforderungen erfüllen, was natürlich mit kostspieligen Investitionen verbunden wäre. Daher gehen momentan kaum Unternehmen diesen Weg.[16]

Das heißt nicht, dass es unmöglich ist, fair produzierte, nachhaltige Lederprodukte zu kaufen. Es kommt darauf an, dass wir bewusst konsumieren und das Produkt wertschätzen. Das bedeutet, dass jedem, der ein Lederprodukt kauft, klar sein sollte, woher es stammt. Leder fällt nicht einfach vom Himmel oder wächst auf einem Baum, es sterben Tiere dafür. So lange wir Fleisch konsumieren, ist es durchaus sinnvoll das Leder als Abfallprodukt der Schlachtung zu verwerten.

Ecopell ist z.B. ein IVN zertifizierter Lederhersteller, der nur Leder aus Bayern verarbeitet und dabei pflanzliche Gerb- und Farbstoffe verwendet. Kinderprodukte aus Ecopell findet ihr beispielsweise bei hans-natur.de. [17] [18] Schicke Geldbörsen und Accessoires, die außerdem auch in Deutschland produziert werden, gibt es beim Hamburger Label Noy.[19]

Veganes Leder und pflanzliche Alternativen

Mit dem Trend zum umweltschonenden und nachhaltigen veganen Lifestyle, steigt auch die Anzahl an veganer und pflanzlicher Leder-Ersatzprodukte. Wir haben hier für euch eine Liste angelegt mit einigen Alternativen:

Pinatex

Pinatex wird aus den Fasern der Ananas Blätter hergestellt, welche bei der Ananas Ernte als Abfallprodukt anfallen. Dr. Carmen Hijosa hat das Produkt als nachhaltige Alternative zu herkömmlichem Leder erfunden. Mehr zur Herstellung des Ananas Leders erfährst du hier.[20]

Kork

Kork wird den meisten von euch ein Begriff sein – spätestens dann, wenn ihr schon mal eine Flasche Wein geöffnet habt. Es handelt sich um einen nachwachsenden Rohstoff und wird hauptsächlich aus der Rinde der Korkeiche gewonnen.[22] Wegen seines pflanzlichen Ursprungs ist Kork auch 100% vegan und natürlich.[23]

Pilzleder (MuSkin oder Mushroom Leather)

Eine weitere umweltfreundliche Alternative zu Tierleder ist Leder aus Pilzen. Es wird aus einer bestimmten Sorte von Pilzen gewonnen und absolut umweltschonend gewachst. Die Struktur des Leders ist mit Kork zu vergleichen.[24]

Kunstleder (Polyurethan oder Polyester, Alcantara)

Es gibt viele verschieden Arten von Kunstleder, die wie der Name schon sagt, aus Kunststoff hergestellt werden. Das bringt einige Vorteile mit sich, z.B. ist die Produktion nicht von der Schlachtung von Tieren abhängig und Kunstleder kann im Gegensatz zu Leder auch gewaschen werden. Trotzdem gelangt mit der Kunststoffproduktion Plastikmüll in die Meere und es wird auf einen fossilen Rohstoff, nämlich Erdöl zurückgegriffen. Echtes Leder ist dagegen gewissermaßen ein nachwachsender Rohstoff.[25]

Eukalyptusleder

Die Fasern de Eukalyptus Pflanze sind sehr fest und für das Wachstum benötigt die Pflanze wenig Wasser und Energie. Das Startup Noani verwendet die Fasern zusammen mit recyceltem Polyester für die Produktion von Gürteln. Die Eukalyptus Pflanzen hierfür kommen aus nachhaltiger Forstwirtschaft. [26] Aber die Eukalyptusfaser scheint ein wahres Multitalent zu sein: Auch für die Herstellung der Regenerationsfaser Lyocell bzw. Tencel werden Eukalyptusfasern verwendet.

Leder aus Apfel- bzw. Trauben Trester

Die Idee für das Apfelleder stammt aus Südtirol. Hier fällt nämlich jedes Jahr besonders viel „Trester“ an, das sind die ausgepressten Reste aus Stängel und Schale der Äpfel. Eine Win-Win Situation also: Das Abfallprodukt wird zu einem Pulver gemahlen und mit Lösungsmittel und einem ökologischen Kunststoff vermischt und getrocknet. Kaum zu glauben, aber es entsteht ein Leder, das dem tierischen Produkt verdammt nahekommt.[27]
Ähnlich geht es mit dem Trauben Trester: Auch das ist ein Abfallmaterial, das bei der Traubenernte zur Genüge anfällt und zu einem pflanzlichen Leder weiterverarbeitet werden kann. [28]

Papierleder

Wer sich nicht vorstellen kann, dass man mit Papier echtes Leder ersetzen kann, hat die Rechnung ohne SnapPap gemacht. Das ist ein Produkt der deutschen Firma Snaply und besteht aus einer Papier-Kunststoffmischung. Dabei ist es BPA und PFC frei und weder gesundheits- noch umweltschädlich. Das Material ist robust, lässt sich leicht verarbeiten und auch bei 60 Grad waschen.[21]

Leder aus Kombucha

Wer schon einmal selbst die Bio Limonade aus grünem Tee, Zucker und dem Kombucha Teepilz hergestellt hat, kennt vielleicht die gallertartige Membran, die sich an der Oberfläche bildet. Getrocknet ist diese Membran stabil und kann zu Kleidung oder Taschen weiterverarbeitet werden.[29]

Bananatex

Bananatex erinnert an Pinatex oder Eukalyptusleder: Auch die Fasern der Bananenpflanze werden zu langlebigem, beständigem und wasserfestem Material weiterverarbeitet. Klare Vorteile: Wir haben hier einen nachwachsenden Rohstoff und die Bananenpflanzen kommen ohne chemische Düngung aus. Das Material wurde in Zusammenarbeit mit dem schweizerischen Taschen Label QWSTION entwickelt und die Ergebnisse können sich sehen lassen![30]

Leder aus Teakblättern

Geldbörsen aus Laub – genau das macht Leder aus Teakblättern möglich. Aus den abgeworfenen Teakblätter wird ein einzigartiges Produkt hergestellt, denn jedes Blatt ist anders. Die Marke beleaf wirbt damit, dass das Material robust, langlebig, wasser- und schmutzabweisend UND dabei hauchdünn und federleicht ist. Klingt fast zu schön um wahr zu sein.[32]

Kaktusleder

Zwei Mexikaner haben diese nachhaltige Alternative zum tierischen Produkt entwickelt. Gewonnen wird das Kaktusleder aus dem Nopal-Kaktus, der praktischerweise ohne viel Wasser angepflanzt werden kann und derzeit in Mexiko schon als Futterpflanze für die Landwirtschaft angebaut wird. Aus den Fasern des Kaktusses kann ein lederähnliches Material hergestellt werden – allerdings mit einer begrenzten Nutzungsdauer von 10 Jahren.[31]

Quellen

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